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Wie bereits gesagt wurde, sind in diese Regel alle übrigen 612 Gebote eingeschlossen. Im Traktat Sabbat sagten die Weisen, dass man mithilfe der Erfüllung der 612 Gebote der Erfüllung des Gebotes „Liebe deinen Nächsten“ würdig wird, und danach auch der Liebe zum Schöpfer.
Wenn dem so ist, was gibt uns dann die Liebe zu Freunden? Da bei jedem Menschen die Liebe zum Nächsten zunächst sehr schwach und noch nicht in Erscheinung getreten ist, müssen sich mehrere Menschen zu einer Gruppe vereinigen. Denn wenn man in der Tat etwas für einen anderen tun soll, und der Mensch in Gedanken willig ist, seinen Egoismus zu unterdrücken, dann sieht er doch, dass er zugunsten eines anderen noch nicht einmal auf das kleinste Vergnügen verzichten kann.
Wenn sich jedoch mehrere Menschen, die den Wunsch haben, die Nächstenliebe zu erreichen, zu einer Gruppe vereinigten, und wenn jeder von ihnen seinen Egoismus gegenüber dem anderen unterdrückt, dann wird jeder von ihnen die Kraft aller anderen erhalten, und alle einzelnen Kräfte der Mitglieder der Gruppe werden zu einer einzigen großen Kraft heranwachsen. Dann entsteht die Möglichkeit der Erfüllung des Gebotes „Liebe deinen Nächsten“.
Anscheinend entsteht hier ein Widerspruch - die Weisen sagten doch, dass man zur Erfüllung dieses Gebotes alle übrigen 612 erfüllen soll, und wir sehen, dass zur Erreichung der Nächstenliebe allein die Liebe zu Kameraden in der Gruppe von Nöten ist.
Im Leben um uns herum sehen wir, dass bei weltlichen Menschen ebenfalls Liebe zu Freunden existiert, sie versammeln sich ebenfalls zu unterschiedlichen Gruppen. Worin besteht der Unterschied zwischen einer Gruppe, die auf dem Prinzip der Liebe zum Nächsten aufgebaut ist, und weltlichen Freundeskreisen? In den Psalmen heißt es: „Einer Versammlung von Spöttern sollst du nicht beiwohnen“.
Was bedeutet das aber? Denn es sind Verbote bekannt, etwas Schlechtes über die anderen zu sagen, oder überhaupt leere, dumme Dinge zu sprechen. Wozu war es notwendig, separat den Zeitvertreib in einer Gesellschaft von Spöttern zu verbieten? Offensichtlich unterscheidet sich dieses Verbot irgendwie von den ersten zwei.
Es geht darum, dass sich Menschen für gewöhnlich zu Freundeskreisen in der Hoffnung gesellt, dass jedes Mitglied dieser Gruppe versuchen wird, die weltliche (körperliche) Situation des anderen zu verbessern. Folglich wird jedes Mitglied einer solchen Gruppe die maximale weltliche (körperliche) Hilfe von den anderen erhalten. Jedes Mitglied einer solchen Gruppe überlegt sich ständig, was es als Gegenleistung für seine Mühen „zugunsten der Gesellschaft“ bekommen hat, wie weit es mithilfe der anderen Gruppenmitglieder seinen Willen zu genießen befriedigt hat. Das heißt eine solche Gruppe gründet sich auf dem Egoismus. Wenn jedoch ein Mitglied von solch einer Gruppe zu fühlen beginnt, dass es allein mehr bekommen kann als im Rahmen der Gruppe, dann beginnt es zu bereuen, dass es ihr beigetreten ist.
Wenn in solch einer Gruppe ein Mensch auftaucht, der sagt, dass man eine Gruppe auf dem Prinzip der Nächstenhilfe und Liebe zu ihm aufbauen sollte, dann beginnen alle, ihn zu verspotten. Das heißt eben „Versammlung von Spöttern“. Und eine solche Gesellschaft entfernt den Menschen vom Spirituellen, worin auch das Verbot besteht: „Einer Versammlung (Gesellschaft) von Spöttern sollst du nicht beiwohnen“ („In einer Versammlung von Spöttern sollst du nicht sitzen“).
Unsere Weisen sagten (Sanhedrin): „Für die Sünder ist es besser, getrennt zu sein, besser für sie und für die ganze Welt, und noch besser, es gäbe sie gar nicht. Für die Gerechten dagegen ist es besser, beisammen zu sein, in einer Versammlung, gut ist es für sie und gut für die ganze Welt“.
Gerechte sind diejenigen, welche die Regel „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ erfüllen wollen. Sie wollen aus der Macht des Egoismus austreten und eine vollkommen neue Eigenschaft erlangen - die Liebe zum Nächsten. Überhaupt kann der Mensch sich dazu zwingen, das zu tun, doch das wird erzwungene Liebe sein, das Herz eines Menschen kann sich seiner Natur nach nicht damit einverstanden geben. Wenn dem so ist, was kann man tun, damit das Herz den Nächsten aufrichtig lieben kann?
Genau zu diesem Zweck sind uns eben die restlichen 612 Gebote gegeben, mit deren Hilfe man das Herz nicht zwingen, sondern „überreden“ kann. Doch da es gegen die Natur des Menschen ist, reicht das nicht aus. Es existieren noch zusätzliche Ratschläge, dass nämlich, damit der Mensch seine Kräfte zur Erfüllung der Regel „Liebe deinen Nächsten“ mehren kann, er die „Liebe zu Freunden“ brauchen wird.
Wenn jedes Mitglied einer Gruppe seinen Egoismus gegenüber den Kameraden unterdrückt, dann wird ein einziger Organismus entstehen, und kleine Sprossen der Liebe zum Nächsten werden sich vereinigen und eine neue große Kraft kreieren, über die jedes Mitglied der Gruppe verfügt. Sobald jeder über diese Kraft verfügt, wird er seine Liebe zum Nächsten äußern können. Und danach wird der Mensch die Liebe zum Schöpfer erreichen.
Doch all das unter einer notwendigen Bedingung - jeder unterdrückt seinen Egoismus dem anderen gegenüber. Wenn er jedoch vom Freund entfernt ist, dann wird er von ihm seine Sprossen der Nächstenliebe nicht bekommen können. Jeder muss sich sagen, dass er gegenüber seinem Freund eine Null ist.
Das gleicht der Art, wie man Zahlen schreibt; wenn man zunächst eine 1 schreibt, und dann eine 0, dann hat man 10, das heißt zehnmal mehr; wenn man jedoch nach einer 1 zwei Nullen setzt, dann hat man 100, hundertmal mehr. Das bedeutet, dass mein Freund eine Eins ist, und ich ihm gegenüber zwei Nullen bin, was Hundert ausmacht, und unsere Kraft wird hundertmal mehr als die ursprüngliche sein. Wenn jedoch umgekehrt ich die Eins und mein Freund die Null ist, dann macht das 0,1; und wenn ich eine Eins bin und meine zwei Freunde zwei Nullen sind, dann macht das 0,01 von unseren anfänglichen Möglichkeiten. Je schlechter ich also meine Freunde bewerte, desto schlimmer treffe ich mich selbst.
Angenommen, du hast bereits Kräfte für die Liebe zum Nächsten, und du kannst sie real äußern, und du fühlst schon, dass Eigennutz dir nur schadet, vertrau dir selbst trotzdem nicht! Du musst ständig Angst haben, in der Mitte des Weges stehen zu bleiben und in die Arme des Egoismus zu fallen. Du musst dich davor fürchten, dass man dir solche Genüsse gibt, denen du nicht standhalten können wirst und die du nur für dich genießen wirst.
Das heißt, du kannst schon kleineren Genüssen widerstehen, sie nicht genießen, oder sie bereits für die anderen genießen. Doch größere Genüsse musst du fürchten, das ist eben die Ehrfurcht vor dem Schöpfer, von welcher weiter oben die Rede war. Wenn du bereits sowohl über die Liebe zum Nächsten als auch über die Furcht vor dem Erschaffer verfügst, dann musst du nur noch das Licht des Glaubens erlangen, welches eben die Schechina herbeiführt. Im Kommentar Sulam heißt es, dass man einem Glauben gemäß der Größe der Furcht gibt.
Daher soll man immer bedenken, dass man den Begriff „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ als ein Gebot, das heißt als einen Befehl des Schöpfers einhalten muss. Rabbi Akiva erklärte uns, dass man aus diesem Gebot eine eiserne Regel machen soll, mit deren Hilfe wir in der Lage sein werden, alle Gebote für den Schöpfer anstatt für den eigenen Nutzen zu erfüllen. Das bedeutet, dass die Einhaltung der Gebote unter der oben genannten Bedingung nicht zur Vergrößerung des Willens, für sich zu empfangen, führen wird. Für gewöhnlich erfüllt der Mensch die Gebote, ohne die Regel von Rabbi Akiva einzuhalten, in der Hoffnung, dafür einen Lohn in der zukünftigen Welt (oder noch in dieser, materiellen Welt) zu bekommen.
Es muss so sein: mithilfe der Erfüllung von Mizwot werden wir tatsächlich einen Lohn erhalten. Dieser Lohn besteht darin, dass wir in der Lage sein werden, unseren Egoismus zu unterdrücken, und zuerst die Liebe zum Nächsten und danach die Liebe zum Allerhöchsten erreichen. Davon sprachen die Weisen, dass, wenn der Mensch würdig wird, die Thora für ihn zur Arznei des Lebens wird, und wenn er nicht würdig wird, sie für ihn zum Gift des Todes wird.
Wenn der Mensch nicht würdig wird, wird er die Thora und die Gebote nur aus Liebe zu sich einhalten, und sein Egoismus wird sich dadurch vergrößern und die Thora wird für ihn zum Gift des Todes. Wenn jedoch der Mensch würdig wird, dann wird sein Egoismus verschwinden, und stattdessen wird er Nächstenliebe erlangen, wodurch er Liebe zum Schöpfer erreichen wird, und sein einziges Verlangen wird es sein, dem Schöpfer Vergnügen zu bereiten.
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