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1984-85 Art. Nr. 3 Wahrheit und Glaube PDF Drucken E-Mail

Die Wahrheit und der Glaube

Art. Nr. 3  1984/85

Die Wahrheit und der Glaube sind zwei entgegengesetzte Begriffe. Wir sehen, dass es in unseren Gebeten, die von den Mitgliedern der Großen Versammlung (Sanhedrin) zusammengestellt wurden, zwei entgegengesetzte Richtungen gibt. Einerseits ist die Ordnung des Gebetes so aufgebaut, dass man es gerade in der Zeit, wo man einen Mangel hat, sagen muss. Und doch haben die Weisen auch gesagt, dass das Gebet von der Tiefe des Herzens ausgehen muss, also dass der Mangel von ganzem Herzen gespürt wird.

Das heißt, dass im Herzen kein auch nur noch so kleines Stück sein darf, das vollkommen und getrennt ist, ganz im Gegenteil, das ganze Herz muss einen Magel darstellen. Und je größer dieser Mangel ist, umso besser wird das Gebet angenommen.

Im Buch Sohar handelt es sich um drei Arten von Gebeten: Das Gebet von Moses, ein Gebet, das kein anderer Mensch sagen kann; das Gebet von David, ein Gebet, das kein anderer König sagen kann, und das Gebet eines Armen. Welches davon ist das Wichtigste? Das Gebet des Armen ist wichtiger als das Gebet von Moses oder David und wichtiger, als alle anderen Gebete, die es auf der Welt gibt.

Was ist der Sinn davon? Es steht geschrieben, dass das Herz des Armen gebrochen ist. Und der Schöpfer ist, wie bekannt, allen nahe, deren Herzen gebrochen sind. Und der Arme streitet  immer mit dem Schöpfer,und der Schöpfer hört seinen Worten aufmerksam zu.

Nach dem Buch Sohar ist das beste Gebet das Gebet eines Menschen mit gebrochenem Herzen, der nichts hat, um seine Seele zu beleben, und in diesem Zustand, sagt man, dass das Gebet von der Tiefe des Herzens ausgeht. Und dieses Gebet ist das wichtigste von allen Gebeten, die es auf der Welt  gibt, denn dieser Mensch hat nichts, worüber er sagen könnte, das habe ich und ein anderer hat es nicht, und dieser Mensch ist mit Mängeln überladen. Das ist die Zeit für das wahre Gebet, das aus der Tiefe des Herzens kommt. Das heißt, je größer der Mangel, desto wesentlicher und wichtiger ist das Gebet.

Außer dem Gebet selbst, also der Bitte, haben die Weisen noch die Ordnung der Preisungen und Danksagungen vorgeschrieben, die im Widerspruch zu der Bitte selbst stehen. Wie es in der Welt üblich ist, wenn jemand etwas Gutes tut und der andere ihm dafür dankt, wird die Größe der Dankbarkeit von der Größe des vollbrachten Guten bestimmt.

Zum Beispiel, wenn ein Freund einem anderen geholfen hat, und dies die Hälfte seines Einkommens ausmachte, so reichte dies nur, um die Hälfte dessen Unterhaltes zu bezahlen. In diesem Fall ist seine Dankbarkeit noch unvollständig, Aber wenn einer der Freunde nicht nur alle Bedürfnisse des anderen befriedigt hat, sondern ihm noch darüber hinaus etwas gegeben hat, wird ihm Letzterer natürlich mit dem ganzen Herzen und mit der ganzen Seele danken.

Wenn also der Mensch dem Schöpfer dankt und Ihn preist, und er tut dies von ganzer Seele, so muss er natürlich sehen, dass der Schöpfer alle seine Bedürfnisse erfüllt, sonst ist seine Danksagung nicht vollkommen. Der Mensch muss sich bemühen, zu sehen, dass alle seine Mängel durch den Schöpfer erfüllt werden. Nur dann wird der Mensch in der Lage sein, dem Schöpfer aufrichtig zu danken, und gerade das ist das Dienen, das von unseren Weisen in den Gebeten vorgeschrieben wurde.

Es stellt sich heraus, dass das Gebet an sich und die Bitte einerseits und das Dienen und die Danksagung andrerseits im Gegensatz zueinander stehen, da im Wesentlichen das Gebet und die Bitte nur dann vollkommen sind, wenn der Mensch im wahrsten Sinne von Mängeln und Wünschen überfüllt ist. Aber wenn es sich um die Danksagung  und Preisung  handelt, müssen alle Wünsche des Menschen erfüllt sein, damit seine Dankbarkeit aufrichtig ist.

Und man muss verstehen, warum die Weisen tatsächlich solche Reihenfolge der Gebete aufgestellt haben. Warum war das notwendig, und was gibt uns diese Ordnung? Wie kann man diese zwei Gegensätze zusammenführen?

ARI sagte: "In der Gebärmutter einer Frau muss es Türen geben, die den Fötus nicht herauskommen lassen, bevor er sich vollständig entwickelt hat, und sie muss noch die Kraft haben, die dem Fötus eine Form gibt."

Und der Sinn davon in der materiellen Welt wird so erklärt: Wenn die Frau infolge einer Störung in ihren Geburtsorganen eine Fehlgeburt hat, also der Fötus unterentwickelt nach außen kommt, kann man solch einen Vorgang noch keine Geburt nennen, denn der Fötus ist lebensunfähig … So ist es auch in den spirituellen Welten.

Ibur, die Zeitperiode der Entwicklung des spirituellen Fötus, wird in zwei Etappen unterteilt:

а) "Ibur" an sich, die Stufe des „kleinen Zustandes“, und das ist seine wahre Form.

b) Aber dieser Zustand gilt als nicht ausreichend. Und wenn an irgendeiner Stelle in dem System der Heiligkeit ein Mangel existiert, ist es ein Punkt der Anhaftung für die dunklen egoistischen Kräfte. Und diese können zu einer Fehlgeburt, d.h. zu einem Zustand der Verzweiflung, einem spirituellen Tief, führen. Unter Fehlgeburt im Spirituellen wird ein spirituelles Objekt verstanden, bei dem es zu einem Fall kommt, bevor es sich vollständig entwickelt hat.

Deshalb muss es irgendeine spirituelle Kraft geben, die den Fötus halten kann, indem sie die egoistischen Kräfte von ihm abstößt und dem Fötus das Gefühl der Vollkommenheit,  Ganzheit und Wachstum vermittelt. Aber wie kann man dem Fötus Wachstum geben, wenn er noch nicht einmal seinen kleinen Zustand erreichen kann? Denn er hat doch keine vorbereiteten Wünsche, in welchen er empfangen kann, mit der Absicht um des Gebens willen?

Dafür existiert eine Erklärung. Die Weisen sagen, dass der Fötus im Körper seiner Mutter das isst, was die Mutter auch isst. Wie es in dem Traktat "Gitin" geschrieben steht: "Der Fötus ist die Hüfte der Mutter", d.h. solange der Fötus sich noch im Mutterleib befindet, stellt er kein selbständiges Wesen dar, und deshalb bekommt er alles Notwendige von der Mutter, also empfängt er alles durch die Gefäße der Mutter.

Deshalb kann der Fötus, wenn er noch keine Wünsche hat, in welchen er das Licht des großen Zustand  empfangen könnte, diesen Zustand doch empfangen, durch die Wünsche des höheren spirituellen Objektes, das seine "Mutter" ist, denn der Fötus kann seine eigenen Eigenschaften noch gar nicht zeigen und stellt zur Zeit nur einen Teil der höheren spirituellen Objekte dar.

Und wenn der Fötus groß wird, dann ist er vollendet und ganz. Und jetzt haben die dunklen Kräfte keine Stelle, an die sie sich anheften können, weshalb der Zustand des Wachtums als eine festhaltende, bremsende Kraft bezeichnet wird. Und diese Kraft lässt den geistigen Fötus nicht "herausfallen", ebenso wie sich die Mutter in der materiellen Welt bemüht, das Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt, zu bewahren, damit ihm nichts Schlimmes passiert.

Daraus folgt, dass es in der geistigen Arbeit des Menschen zwei Zustände gibt. Der erste Zustand ist – der wahre Zustand, in dem sich der Mensch befindet, d.h. der kleine Zustand. In diesem Zustand empfindet er alles, was er denkt und macht als unbedeutend und unwichtig. Der Mensch erlebt diesen Zustand, wenn er den Weg der Wahrheit, d.h. den Weg der spirituellen Arbeit auswählt. Dann beginnt er zu sehen, wie weit er von der Eigenschaft des Gebens entfernt ist, dass er über keine Kräfte verfügt, irgendeine Handlung des Gebens auszuführen. Und es ist die Stufe der Wahrheit, d.h. der wahre Zustand, in dem er sich befindet.

Wie schon gesagt wurde, haben Klipot im kleinen Zustand die Möglichkeit, bei demjenigen eine "Fehlgeburt" hervorzurufen, der sich in diesem Zustand befindet. Somit befindet sich der Mensch, der beginnt, den Weg der Wahrheit zu gehen, im Zustand der spirituellen Entstehung, und die egoistischen Kräfte, die ihn beeinflussen, können eine "Fehlgeburt" verursachen. Das heißt, der Mensch kann von seiner Stufe herunterfallen. Und wenn es geschehen ist, dann soll der Mensch seine spirituelle Arbeit neu anfangen, als ob er noch nie dem Schöpfer gedient hat.

Deshalb existiert eine Kraft, die den geistigen Fötus vor dem "Ausfallen" nach außen beschützt. Der Mensch soll die Empfindung der Ganzheit und der Vollkommenheit haben, d.h. er soll fühlen, dass er keinen Mangel in der spirituellen Arbeit hat, dass er dem Schöpfer nah ist, dass er sich in einer vollen Verschmelzung mit dem Schöpfer befindet. Und niemand kann sagen, dass er auf seinem spirituellen Weg keine Fortschritte macht.

Aber das alles bezieht sich auf jene Periode, als es sich um die Wünsche des höchsten geistigen Objektes handelte; d.h., der Schöpfer weiß, wenn ein bestimmter Mensch die Verschmelzung mit Ihm fühlen soll. In den eigenen Wünschen fühlt sich der Mensch viel schlechter als früher, wenn er den gewohnten Weg ging, ebenso wie alle anderen, als er jeden Tag seine Ergänzung zur Beachtung der Gebote der Tora fühlte. Jetzt, wenn der Mensch begonnen hat, seinen eigenen Weg zu gehen, d.h. die ganze Zeit abzuwägen, wieviel Handlungen er im Namen des Schöpfers machen kann und inwiefern er dem Egoismus entgehen kann, sieht in dieser Periode alles ganz anders aus.
Und wenn er, je nachdem, inwieweit er sich der Wahrheit genähert hat, beginnt, die Wahrheit anzuerkennen, wobei diese darin besteht, dass der Mensch der Macht des Egoismus nicht entgehen kann,  kann sich der Mensch erheben und dabei trotzdem die Wünsche des Höchsten verwenden, d.h. "dem Glauben über dem Verstand", und sagen: "Für mich ist es sehr wichtig, was ich dem Schöpfer gebe, und ich will, dass der Schöpfer sich mir nähert. Ich bin überzeugt, dass der Schöpfer weiß, wann meine Zeit kommt, wenn ich spüre, Er hat sich mir genähert. In der Zwischenzeit glaube ich aber, dass der Schöpfer weiß, was für mich gut ist.
Ich soll glauben, dass sich der Schöpfer zu mir mit der Eigenschaft "des Guten und des Guten schaffend" verhält. Und wenn ich daran glaube, wird Er mir das Zeichen geben, damit ich den Schöpfer preisen und Ihm danken kann.
Und gewiß sollen wir verstehen, dass es zu unserem Nutzen ist; denn mit der Hilfe des Glaubens können wir das Ziel erreichen: zu bekommen, um zu geben. Der Schöpfer könnte uns mit der Hilfe des Verstandes und nicht mit der Hilfe des Glaubens führen führen, er tut es allerdings nicht.
Jetzt ist die Zeit gekommen, die Antwort auf die Frage zu verstehen, die wir am Anfang gestellt haben: Warum sind zwei Begriffe nötig, die sich im Widerspruch befinden. Einerseits sollen wir den Weg der Wahrheit gehen, d.h., sich unseres jetzigen Zustandes bewußt sein, in dem wir fühlen, dass wir uns vom Egoismus nicht entfernen und uns der Nächstenliebe nicht nähern können. (und andrerseits...?) das was folgt? >?
Wir sehen, dass die Spiritualität für uns noch nicht wichtig ist. Wir fühlen, dass wir einen großen Mangel haben. Wir bedauern dies, und es schmerzt uns, dass wir vom Schöpfer so fern sind. Eben dies alles heißt Wahrheit, was bedeutet, dass wir unseren Zustand laut unseren Organen der Wahrnehmung, unseren Gefühlen, empfinden.
Außerdem ist uns der Weg "des Glaubens über den Verstand" gegeben, d.h., wir sollen mit unseren Gefühlen und Erkenntnissen nicht rechnen. Wie gesprochen: "Ihre Augen sehen nicht, ihre Ohren hören nicht". Das bedeutet, man soll glauben, dass der Schöpfer uns beobachtet, und Er weiß, was für uns gut und was schlecht ist. Deshalb will der Schöpfer, dass ich meinen Zustand so empfinde, wie ich ihn empfinde. Persönlich aber ist es für mich nicht wichtig, wie ich mich empfinde, weil ich dem Schöpfer Genuss geben möchte.
Daher ist die Hauptsache, die ich machen soll: im Namen des Schöpfers dienen. Und obwohl ich fühle, dass es keine Vollkommenheit in meiner Arbeit gibt, befinde ich mich dennoch in der Wahrnehmung des Höchsten, d.h. seitens des Höchsten im Zustand der Vollkommenheit. Deshalb habe ich das Recht, dem König -  sogar auf dem niedrigsten Amt - zu dienen. Ich betrachte es als einen großen Verdienst, mich dem Schöpfer ein wenig nähern zu dürfen.
Also - jetzt können wir verstehen, was die Wahrheit ist und was der Glaube ist. Die Wahrheit ist, wenn der Mensch seine wahrhafte Lage erkennt, und deshalb gibt es bei ihm die Möglichkeit für ein aufrichtiges Gebet; denn dann hat er eine Empfindung des Mangels, den er füllen muss. Deshalb kann der Mensch zu dem Schöpfer beten und Ihn bitten, dass Er seinen Mangel ergänze - und dann kann er auf die Stufen der Heiligkeit hinaufsteigen. Der Glaube ist eine Stufe der Ganzheit, der Vollkommenheit, die es dem Menschen ermöglicht, den Schöpfer aufrichtig zu preisen und Ihm zu danken - und dann kann er auch froh sein.