Dr. phil. Michael Laitman (RAV) spricht über die heute plötzliche Popularität der Kabbala. Es scheint, als sei sie genau die Methode, die die wohl wichtigste Frage, die Frage nach dem Sinn des Lebens, passend für unsere Zeit beantwortet.
Transkript
Student: So viele Menschen wie es gibt, so viele Versuche gibt es, die Welt zu erklären. Politiker benutzen Krisen und Katastrophen, um den Leuten weiszumachen, dass sie Recht hätten. Einige wollen aus dem Leiden ihre eigenen Vorteile ziehen. Wenn die Kabbala nun die in Krisen verstrickte Menschheit von neuen Lösungsansätzen überzeugen will, wer sagt uns, dass gerade diese Vorschläge besser sind als die anderen?
Dr. phil. Michael Laitman: Nein, nein, jetzt hör mal zu, ich sage das ganz anders: Kann ja sein, dass ich zuerst nur das selbe sage, wie alle anderen, du weißt das ja, ich sage, es gibt Leiden in der Welt und einen Grund dafür. Aber die sagen dann immer, der Grund ist der und der und so ist der Mensch und dass der Mensch sich ändern muss usw.
Und was sagen sie dann? Wissen sie dann weiter? Haben sie dann irgendetwas Praktisches zu bieten? Haben sie eine Höhere Kraft an der Hand, Licht, das Korrektur bringt, mit der sie den Menschen dann auch tatsächlich ändern können? In der gesamten Realität ist es nämlich gerade die Natur des Menschen, die sich ständig ändert.
Also, die Frage ist, kann jemand, wie auch immer, die Natur ändern, oder kann er es eben nicht? Da liegt der Unterschied zwischen allen anderen Methoden und der Methode der Kabbala.
Student: Dann dürfte es ja kein Problem sein, jeden davon zu überzeugen, oder?
Laitman: Nein, nein, wir überzeugen keinen. Man kann doch überhaupt niemanden von etwas überzeugen, das ihn gar nicht interessiert, das er nicht als sein Problem ansieht. Und selbst wenn sie leiden, die Leute fragen sich nicht nach einem tieferen Grund ihres Leidens.
Baal HaSulam fragt in der Einführung zu Talmud Eser Sefirot (Das Studium der zehn Sefirot), unserem sechsbändigen wichtigsten Lehrbuch: „Warum ist dieses Buch überhaupt geschrieben worden – es ist ein sehr sehr schwer verständliches Buch – für wen ist das Buch eigentlich gedacht?“
Und dann antwortet er nicht etwa: für Religiöse oder für Säkulare oder für Philosophen, nein, er antwortet: für Menschen, die sich die Frage nach dem Sinn ihres Lebens stellen. Und das ist eine sehr sehr einfache Frage. Sie stellt sich erst einem Menschen, der die entsprechende innere Reife hat. Er oder sie kann ein Bauarbeiter sein, ein Schuhverkäufer, ein Professor, das spielt überhaupt keine Rolle. Aber wenn in jemandem diese Frage aufkommt, kann er sie schon nicht mehr unterdrücken.
Er oder sie muss verstanden haben, wo sein oder ihr Leid herkommt. Und sie stellen die Frage nicht, um ihrem Leiden zu entfliehen – dem Leiden entfliehen zu wollen, ist keine Frage nach dem Sinn des Lebens: wer die Befreiung von seinen Leiden sucht, kämpft nur den täglichen Überlebenskampf. Nein, wer nach dem tieferen Sinn des Lebens fragt, fragt: Was ist das Leben? Wo kommt es her? Wozu ist all der Ärger da? – die Frage nach dem Sinn des Lebens hat einen viel tieferen Grund, der spiritueller Grund genannt wird. Das Ganze, das Leben, ist nämlich spirituell begründet, im Spirituellen verursacht.
Eine Menge Leute kommen zu uns, völlig unterschiedliche Leute, und niemand von uns weiß vorher, wer das Ziel erreichen wird.
Student: Wovon hängt denn das ab? Erwacht jemand, der tausend Schläge erhält und mehr und mehr Schmerzen leidet? Oder bekommt er immer nur noch mehr Schläge?
Laitman: Der Weise sieht, was als nächstes kommt. Das ist der ganze Unterschied.
Nehmen wir einen Menschen, der sein ganzes Leben lang geschlagen wurde und sich immer noch klein macht und sagt „Was können wir schon tun, so ist die Welt.“, jemanden, der außer seinem bitteren Gefühl noch nicht einmal den Verstand hat, zu wissen, was ihm hilft, da rauszukommen und wie er dem nächsten Schlag ausweichen kann. Er sollte anfangen zu studieren, um herauszufinden, woher die Schläge kommen und warum, um sich ein schönes Leben aufzubauen und sich weiterzuentwickeln.
Und dann gibt es Leute, die sich in Übereinstimmung mit ihrer Erfahrung entwickeln und bei denen eines Tages der Verstand erwacht und sie sich Fragen zu stellen beginnen. Dann entwickeln sie sie sich auf diese neue Weise weiter.
Eine Menge Leiden ist notwendig, aber ich bin sehr optimistisch, weil ich sehe, in welchem Maße die Weisheit der Kabbala in unser Leben Einzug hält. Wir werden die Korrekturen, die das Leben von uns verlangt, durchführen – in dem Ausmaß in dem wir fähig sind, mit dem Höheren Licht umzugehen – und wir finden Frieden und Ewigkeit.