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Ein Haus, In dem Keiner Lebte PDF Drucken E-Mail

von Ludmila Zolotareva

ein haus


...es war einmal, in einem weit entfernten kleinen Dorf, ein uraltes  Haus mit hohen Mauern und einer prachtvollen Eingangstür. Doch im Gegensatz zu allen anderen Häusern im Dorf, war dieses kalt und abstoßend. Seine Fenster waren dicht versiegelt, die Türen waren ab geschlossen, und es war eine sehr lange Zeit vergangen, seitdem irgendjemand einen Fuß in das Haus gesetzt hatte. Alle anderen Häuser im Dorf waren von glücklichen Familien bewohnt, doch niemand wohnte in diesem Haus. Es war völlig verlassen. 

Jeden Tag, wenn die Leute an dem Haus vorbei gingen, blieben sie stehen und flüsterten: "Was für ein seltsames Haus, es steht hier völlig allein, groß und leer!"

Das Haus war verwirrt. "Was wollen die von mir?" fragte es sich. "Ich stehe doch einfach nur hier, ohne irgend jemanden zu belästigen. Warum starren sie so? Ist es die Farbe auf meinem Fenstersims? Oder werden vielleicht meine Scharniere rostig?"

Das Haus war einmal schön ausgestattet worden, und jetzt blieb alles ordentlich an seinem Platz; es gab viele Teller in der Küche, Kristallgläser und antikes Silberbesteck im Esszimmer, ordentlich gemachte Betten in den Gästezimmern, und eine Tischdecke auf jedem Tisch. Aber das Haus war ruhig - zu ruhig! Die schweren Vorhänge, die die Fenster bedeckten, verbargen den größten Teil der Sonne, und das Haus fühlte sich innen dunkel und trostlos.

Gelegentlich versuchte der Esstisch, das Geschirr aufzumuntern. „Kommt schon, Teller, steht in einer Reihe“ sagte er.

"Warum?" fragten sie. "Wer wird uns mit dem Essen füllen?"
"Kerzen, kommt von den Regalen herunter!" befahl der Tisch.
"Warum? Wer wird uns anzünden?" antworteten die Kerzen.

Schließlich wandte sich der Tisch dem schönen Leuchter im Esszimmer zu. "Leuchter, beleuchte das Haus!" sagte er "Sie haben mehr Glühbirnen, als irgendjemand zählen kann."
"Aber es gibt keinen, der mich einschalten könnte," antwortete der Leuchter. "Und selbst wenn ich mich einschalten könnte, wer würde es sehen?"

Schließlich war es trostlos und einsam in diesem Haus, da es nichts zu tun gab, außer sich zu streiten. Die Löffel stritten mit den Gabeln darüber, wer wichtiger war. Die Treppe knarrte den Teppich an, dass er zu staubig sei. Das  Waschbecken war vom Wasserhahn genervt, weil er das Wasser nicht strömen ließ. Sogar die kleine Schreibtisch-Lampe nannte den Leuchter ein "altes Stück vom Trödel."

Das Haus sah sich traurig um und begriff, dass etwas getan werden muss, aber was? Was sollte es tun? Plötzlich hatte das Haus eine Idee.

"Ich werde den Kamin fragen," entschied es. "Der Kamin ist sehr klug, weil er zuerst, vor allen anderen gebaut wurde."

Aber der Kamin schlief fest, und er würde nicht aufwachen. Das Haus versuchte sogar, durch den Schornstein zu schreien. Ruß war überall verstreut, aber der Kamin schlief weiter. Dennoch gab das Haus nicht auf.

"Teller!" schrie das Haus, "wollen wir versuchen, den Kamin zusammen aufzuwecken? Er wird uns sagen was zu tun ist. Macht so viel Lärm, wie ihr könnt!"

Sofort begannen die Teller zu rasseln. Bald schlossen sich ihnen andere an: Die Kerzenständer schlugen aneinander die Gabeln und Löffel klirrten, der Leuchter läutete, und sogar die Betten hüpften auf ihren Beinen. Zusammen machten sie solch einen Lärm aus Rasseln und Schlagen, dass die Vögel die auf dem Dach nisteten vor Schreck davonflogen.

Schließlich wachte der Kamin auf. "Sie müssen in einem ziemlich schlechten Zustand sein," sagte er gähnend zum Haus. "Warum sonst würden sie so einen Aufwand betreiben, mich zu wecken?"

"Wir brauchen Ihren Rat," sagte das Haus. "Etwas  stimmt absolut nicht, aber wir wissen nicht was!"

"Das ist ziemlich einfach," antwortete der Kamin. "Ich bin überrascht, dass ihr es nicht wisst."

"Was ist es? Erzählen Sie’ s uns!" forderte das Haus.

"Es gibt eine goldene Regel: Sie müssen Ihre Wärme mit anderen teilen. Schauen Sie auf mich. Wenn mein Feuer brennt, halte ich nicht an der Wärme fest, ich teile es mit anderen. Alle anderen Häuser im Dorf geben Wärme und Gemütlichkeit an ihre Familien. Währenddessen stehen sie hier ganz allein, und weigern sich mit irgendjemandem zu teilen. Das ist der Grund warum Sie traurig sind und sich mit jedem streiten."

Das Haus war erschüttert. Es entschied, dass diese goldene Regel von jedem beachtet  werden musste. Gleich am nächsten Morgen zog es die Vorhänge auf und öffnete alle seine Fenster um die Zimmer zu lüften. Die Spiegel waren seit Jahren nicht mehr so glücklich denn  sie reflektierten das Sonnenlicht! Das ganze Streiten hatte sofort ein Ende.

"Mopps, Lumpen, und Staubtücher! Reinigen Sie die Fußböden und beseitigen Sie die Spinnweben! Wasserhahn, geben Sie ihnen Wasser!" das Haus sang fröhlich.

Bald funkelte das ganze Haus.

"Esstisch! Machen Sie sich bereit, um unsere Gäste zu begrüßen!" gab das Haus bekannt.

Sofort wurden die Teller auf eine schneeweiße Tischdecke gestellt, daneben nahmen  die Gabeln, Messer und Löffel ordentlich ihre Plätze ein. Der Esstisch wollte vor Heiterkeit tanzen, aber er stand still, damit nichts herunter fiel.

Zur Essenszeit  öffnete das Haus seinen Gästen die breiten Türen. Nie zuvor hatte dieses schöne, einladende Haus Menschen gesehen. Als sie in das Haus spähten, begriffen die Menschen was sie erwartete.

"Schauen Sie!" schrien sie auf, "Essen wird serviert!"

So kam es, dass alle Dorfbewohner einen wunderbaren Abend in diesem riesigen alten Haus verbrachten, sich Geschichten erzählten und Lieder sangen.

Von da an hieß das Haus jeden willkommen und teilte mit jedem seine Wärme und Gemütlichkeit. Und nach nicht all zu langer Zeit zog eine Familie ein.

Nie wieder würde das Haus das wundervolle Geschenk vergessen, das ihm der Kamin gemacht hatte, und spät abends, wenn seine Bewohner ins Bett gegangen waren, flüsterte es: "Danke alter kluger Kamin. Ich werde  Ihren Rat nie vergessen. Wie großartig ist es, anderen Wärme zu spenden!"

 

ein haus 2

Zeichnungen durch Irina Bondarenko